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Digital Corona Health Certificate

Blog

Wir sind kein Immunitäts-Ausweis!

Author: Stephan Noller, 1. 5. 2020

Verschiedentlich wurde unsere Initiative in der Presse als “Corona-Pass” oder “Immunitäts-Ausweis” bezeichnet. Dann wird immer schnell ausgeführt, dass die WHO genau davor warnt, Antikörper-Tests noch zu ungenau sind und überhaupt so eine Diskussion zu früh kommt. Tatsächlich hat es einen guten Grund, dass wir unserer Initiative einen anderen Namen gegeben haben, nämlich “Digitales Corona Gesundheitszertifikat”.

Was ist der Unterschied?

Nun, zuerst einmal muss man dafür nicht notwendigerweise verlässliche Antikörpertests haben. Denn wer heute Covid19 übersteht und zweimal innerhalb von 48h negativ auf das Virus getestet wurde (mit PCR Test), der/die gilt als “geheilt” und de facto auch immun, zumindest für eine gewisse Zeit. Die aus Südkorea berichteten Wiederansteckungen haben sich gerade als Test-Irrtum erwiesen. Auch laut Drosten gehen ExpertInnen weltweit eigentlich sicher davon aus, dass man nach überstandener Erkrankung gegen das Virus immun ist. Solche Leute sind schonmal ziemlich spannende Fälle - viele davon sind z.B. aus dem Gesundheitswesen. Soll man wirklich ignorieren, dass sie sich erstmal nicht mehr anstecken können? Wäre das rational und fair? Jedenfalls wäre es eine Modalität, die in einem digitalen Gesundheits-Zertifikat abgebildet sein könnte (positiver PCR Test, dann zweimal negativer).

PCR-negativ - was bedeutet das?

Ein negatives PCR Ergebnis kann aber auch dann spannend sein, wenn man die Krankheit noch nicht hatte. Der Grund ist, dass ExpertInnen derzeit davon ausgehen, dass man in diesem Fall für 2-3 Tage nicht ansteckend sein kann. Die RKI “Nowcast” Methode rechnet ein Zeitfenster von 3 Tagen ein, nachdem ein infizierter frühestens andere anstecken konnte (Epidemiologisches Bulletin 17/2020, Seite 13). Das ist deshalb spannend, weil ein Zeifenster von 3 Tagen im aktuellen Lockdown schon sehr relevant sein kann. In 3 Tagen könnte man mehrfach Angehörige im Krankenhaus oder Altenheim besuchen, nach New York fliegen und zurück, oder schlicht zur Arbeit gehen. Es gibt auch tatsächlich Betriebe, die Ihre Leute genau so zweimal die Woche testen um den Infektions-Schutz zu erweitern. Wenn man in einem Gebiet mit niedrigem Risiko operiert, wäre es sogar möglich so einen Test für 5 Tage als relativ sicher zu erachten - auch wenn es dann ein statistisches Risiko für eine Infektion gäbe. Wir glauben, dass diese Möglichkeiten bei den Überlegungen für einen Smart Lockdown einbezogen werden sollten.

Warum ein digitales Zertifikat so wichtig ist?

Anhand des oben dargestellten PCR-negativ Szenarios kann man sehr leicht erkennen, warum es wichtig ist, das Testergebnis digital verfügbar zu machen. Ein analoger Prozess ist zum einen langsam, und vermutlich würden die verfügbaren 2-3 Tage schon mit der Zustellung des Test-Ergebnisses auf dem Post-Weg vergehen. Digital kann es eine Minute nach Laborbefund auf der App des Nutzers eingespielt werden. Und ein zweiter Vorteil ist natürlich die Überprüfbarkeit. Ein digitaler Nachweis kann so gemacht werden, dass er sich zur Verifikation vor Ort mit hoher Sicherheit eignet. Bei einem Papierdokument hingegen gibt es viel mehr Möglichkeiten der Fälschung. Und es ist natürlich wengier komfortabel.

Digitale Infrastruktur jetzt aufbauen

Ein weiterer Grund schon jetzt so ein System aufzubauen besteht schliesslich darin, dass wir hoffentlich immer besser darin werden, das Virus zu bekämpfen. Es wird vermutlich irgendwann bald verlässliche Antikörper-Tests geben. Und irgendwann hoffentlich eine Impfung. Beides sind Merkmale, die ebenfalls davon profitieren würden, wenn man sie digital mit sich herumtragen könnte - in einer Art, dass sie von jemandem leicht verifiziert werden können. Hinzu kommt, dass es Möglichkeiten gibt, das digitale “Herumtragen” deutlich sicherer und datenschutzfreundlicher zu machen, als wenn man das Papier immer dabei hätte. Die in unserem System eingesetzte SSI (self sovereign identity) App Lissi z.B. ermöglicht die Ablage des Corona-Testergebnisses auf eine extrem gut abgesicherte Weise - denn der Nutzer/die Nutzerin trägt das Merkmal selbst verwaltet ausschliesslich in ihrer/seiner App herum, es ist keine zentrale Ablage nötig.

Noch ein Vorteil eines digitalen Systems - es kann an die Forschungslage angepasst werden.

Nochmal abschliessend zum Thema Immunität. Die WHO hat im Prinzip nicht vor einem Immunitäts-Ausweis gewarnt, sondern vor einer verfrühten Einführung eines solchen - weil die Forschungslage noch so unklar ist. Ist ja auch klar, wie soll man Aussagen über die Langfrist-Immunität des Virus machen, wenn dieser erst seit wenigen Monaten bekannt ist? Aber die Erkenntnis-Lage wird immer besser, es werden Studien dazu gemacht, Praxis-Erkenntnisse trudeln vermehrt ein (wie z.B. die inzwischen korrigierte Sache mit den Neu-Infektionen in Süd-Korea). Das elegante an einem durchgehend digitalen System ist, dass sozusagen Updates “over the air” eingepflegt werden können. Wenn es neue Erkenntnisse zu einer längeren Immunität gibt, könnte das einfach in alle Apps eingespielt werden - die App würde dann die neue Immunitäts-Dauer einfach anhand des hinterlegten Test-Datums errechnen. Wenn es neue Erkenntnisse zu Antikörper-Konzentrationen gibt, die als Nachweis gelten: digital einspielen, schon könnte eine digitale Anwendung/App die angezeigte Empfehlung anpassen. Dasselbe gilt auch für Eingangs-Kontroll-Systeme, z.B. an einem Flughafen. Bei einem analogen Nachweis wäre das praktisch nicht möglich - digital könnte man immer nachjustieren und die aktuelle Forschungslage einfliessen lassen.

Und es ist transparenter

Ein digitales System kann natürlich auch transparenter sein und bessere Kontroll- und Governance-Möglichkeiten bieten. Eingesetzte Algorithmen können offenglegt und ggf. zertifiziert werden, verwendete Daten können sichtbar und überprüfbar gemacht werden, verwendeter Code kann offengelegt und überprüft werden. Wir wollen in diesem Projekt eine Philosophie verfolgen, wo wesentliche Code-Bestandteile als Open-Source Dokumente nachvollziehbar sein werden. Erste Verlinkungen dazu folgen in Kürze.